Urbrecker

 

Eine industrielle Epoche in Wietmarschen

Vom Eisenerz, der Alexia-Eisen-Hütte und dem Urbrecker

Von 1854 bis 1874 gab es im Süden vom Stift Wietmarschen (heute Schlackenbölt) die Alexis-Eisen-Hütte, die nach ihrem wichtigsten Aktionär, dem Fürsten Alexis zu Bentheim und Steinfurt, benannt war. Bis zur Schließung war diese Eisenerzhütte der größte Industriebetrieb und Arbeitgeber in der Grafschaft. Sie stellte aus dem von heimischen Arbeitern gebrochenen Rasenerz der sumpfigen Wiesen Gußeisen her. Es wurde als Stabeisen in das Ruhrgebiet geliefert oder zu Gußwaren verarbeitet. Thüringische Fachleute stellten die Sandformen her, in denen auf Bestellung vom einfachen Fensterrahmen über reich geschmückte Töpfe bis zu Monogramm-verzierten Herdplatten alles gegossen wurde.


In der 250 x 200 Meter großen Hüttenanlage wurden Dampfmaschinen und Hochöfen mit Torf und Holz geheizt und der zur Schmelze nötige Kalkstein wurde aus Rheine geholt. In ihrem besten Jahr 1857 waren 160 Arbeiter beschäftigt, die 12.813 Tonnen Rasenerz brachen und daraus 1.709 Tonnen schmuckvolle Gußwaren und 3.607 Tonnen Stabeisen produzierten. Neben alteingesessenen Wietmarschern arbeiteten in der Hütte vor allem fachkundige Wanderarbeiter, Hüttenarbeiter, Schmiede und Formenmacher, die aus stillgelegten Hütten im Harz in die Grafschaft gekommen waren.

 

Mitarbeiterstatistik im Jahr 1857:

 

161 Mitarbeiter, davon 

   6 Beamte
 23 in den Werkstätten
 30 bei Erzgewinnung („Urbrecker“)
 40 bei der Herstellung von Holzkohle
 60 bei Roheisenerzeugung

1859: vermutlich 100 Mitarbeiter
1868: Rückgang auf 70 Mitarbeiter

1859 - 1863:
242 Einstellungen, zur Hälfte Arbeiter
(Hüttenarbeiter, Arbeiter, Handarbeiter, Fabrikarbeiter, Tagelöhner) viele zur Raseneisen-Gewinnung eingesetzt („Urbrecker“), andere Hälfte Handwerker (Schlosser, Schmiede, Tischler, Maurer, Metalldreher, Sandformer, Lehmformer etc.)

Alter der Arbeiter:
50,3 % unter 25 Jahre
70,1 % unter 35 Jahre

 

 

Trotz aller Mühe wurden bei den hohen Transportkosten auf schlechten Wegen zur 16 km entfernten Bahn in Lingen keine Gewinne erzielt. 1870 legte ein neuer Besitzer, die Firma S. Elkan & Co. in Hamburg, deshalb eine 90 cm breite „Pferdebahn“ nach Elbergen bei Lingen an, aber die seit 1872 fallenden Preise für Eisen machten den Hüttenbetrieb unrentabel. Nach dem Bau der Kanäle links der Ems wurde der Transport per Schiff billiger und Rasenerz wurde von Elkan & Co. und der heimischen Firma Brinkers über den Nord-Süd-Kanal zur Reinigung von Stadtgas und zur Gewinnung von Farbe ins Ruhrgebiet verschifft.


Aus den Raseneisenerzbrocken wurde durch die alten Meister mit viel Handarbeit, Schweiß und Holzfeuer in den sogenannten „Rennöfen” das Erz gewonnen. Diese hießen deshalb so, weil aus dem Raseneisenerz bei der Erhitzung und Bearbeitung das Eisen heraus rann. Diese Arbeit war sehr schwer und Eisen deshalb für unsere Vorfahren ein kostbarer Schatz. Gegenstände aus Eisen (z.B. Angelhaken, Hacken und vor allem Sägen und Beile) wurden über Generationen vererbt.

Die Bergung des Raseneisensteins erfolgt auf manuelle Art und Weise. Der Aufwand an manueller Arbeit zur Materialbergung ist standortabhängig und stellt das wichtigste bzw. primäre Element der Materialbereitstellung dar. Das Raseneisenerz (auch benannt als Sumpferz, Wiesenerz) war meist unreines, dunkelbraunes bis schwarzes, amorphes Eisenerz (Brauneisen) und oft manganhaltig. Zwischen Nordhorn und Lohne, Engden und Wietmarschen wurde auf einer Fläche von 27.000 Morgen das Eisenerz abgebaut, wobei der Anteil der Flächen mit Raseneisenerz mindestens 700 Morgen betrug.

 

Mitarbeiterstatistik im Jahr 1857:

Beschäftigungsdauer:
hohe Fluktuation (für über 115 Personen, keine Verlängerung der Arbeitserlaubnis nach 1 Jahr), temporäre Beschäftigung für wenige Monate; Heimaturlaub war möglich.

Herkunft:
nicht zweifelsfrei zu identifizieren, da bei 5 % kein Geburtsort angegeben ist, aber folgende Verhältnisse sind zu vermuten:
14,2 % Wietmarscher
22,8 % Grafschafter (besonders aus Neuenhaus)
63,0 % außerhalb (Raum Erfurt, ...) Wanderarbeiter, die aus stillgelegten Hütten im Harz
           in die Grafschaft gekommen waren

Unterbringung:
Die Mehrzahl der Auswärtigen schlief „auf der Hütte“, vermutlich in Gemeinschaftsquartieren. Arbeiter aus umliegenden Dörfern nahmen teils 12 km lange Wege in Kauf, um täglich zur Hütte zu kommen (jedoch nur ein geringer Teil; 1859-1861: 18 von 185 Männern)

zum Vergleich:
Textilfabriken in Nordhorn
1850: van Delden 27 Mitarbeiter
1872: van Delden 78 Mitarbeiter oder Stroink 58 Mitarbeiter

Am Wietmarscher Hafen die Pferdebahn und Boote auf dem Nord-Süd-Kanal
Am Wietmarscher Hafen die Pferdebahn und Boote auf dem Nord-Süd-Kanal

 

Erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde der Erz-Abbau in der Wietmarscher Feldmark endgültig eingestellt. „Der Urbrecker“ auf dem Marktplatz in Wietmarschen soll als Symbolgestalt an die Rasenerzförderung im Raum Wietmarschen erinnern. Die Gestaltung erfolgte durch den Künstler Dirk de Keyzer, Gent (Belgien). Gestiftet wurde sie von der Sparkassenstiftung für die Grafschaft Bentheim und anläßlich der Einweihung des neuen Marktplatzes in Wietmarschen am 28.08.1999 aufgestellt.

 

 

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